Erfahrungsbericht 3
»Bei
meiner Yogapraxis heute Morgen kam mir ein Satz in den Sinn, mit dem
ich meinen Erfahrungsbericht beginnen möchte: „Dein Körper ist der
Tempel deiner Seele. Räume auf und reinige ihn, damit sie sich darin
wohlfühlen kann.”
Als ich mit dem traumasensiblen Yoga begann, hätte
mich dieser Satz erschreckt und vermutlich wäre ich schreiend
davongerannt. Mein Körper war für mich der Feind: verabscheuenswürdig,
beängstigend, verräterisch. So behandelte ich ihn und somit auch mich
selbst. Bereits bei dieser Formulierung wird mir bewusst, wie getrennt
beides doch war.
Mein Körper hatte nichts mit mir zu tun. Und wer
ICH ist, davon hatte ich auch keine Ahnung. Meine Mittel zur
„Feindbekämpfung” waren selbstverletzendes Verhalten, eine Essstörung
und möglichst körperliche Grenzen zu überschreiten. Den Körper als
Tempel zu bezeichnen? Niemals. Auch heute fällt es mir noch schwer, es so zu sehen.
Begonnen
habe ich mit Einzelstunden. Anders hätte ich mich meinem selbst
erkorenen Erzfeind „Körper” nicht annähern, mich nicht so auf ihn
einlassen können. Der Rahmen der Einzelstunde ermöglichte es mir, Frau
Ulmer und das Yoga näher kennen zu lernen, ohne noch auf andere
Kursteilnehmerinnen achten zu müssen. Bereits so wirkte das alles sehr
bedrohlich und schwierig auf mich. Bereits in einer Klinik hatte ich
Yoga kennen gelernt, jedoch stellte ich schnell fest, dass dies wohl
ein anderes Yoga war. Die Tradition war dieselbe (Hatha-Yoga), aber die
Art und Weise unterschied sich. Der Rahmen bei Frau Ulmer ist
achtsamer, „langsamer”. Bedingt dadurch, dass dem Gefühl der
Sicherheit und der Wahrnehmung der eigenen Grenzen auf eine ungewohnte
Art und Weise der nötige Raum gegeben wird, wirkt es auf mich
intensiver und wohltuender.
Ich brauchte lange, um mich wirklich
innerlich einzulassen und es stellten sich immer wieder heftige
Widerstände ein. Manchmal ging nichts und phasenweise nur ganz wenig.
Vieles musste ich ausprobieren, um mich sicher fühlen zu können, um ein
Gefühl dafür zu bekommen, was ich brauchte, um mich wieder einlassen
zu können. Hier hieß es durchhalten, nicht aufgeben. Erst nach einem
dreiviertel Jahr war es mir möglich, regelmäßig zuhause Yoga zu machen.
Nach über einem Jahr war es mir dann möglich, mich auf die Gruppe
einzulassen. Hier lernte ich für mich weitere wichtige Dinge.
Beispielsweise bei mir bleiben zu können, ohne mich von anderen bedroht
zu fühlen.
Verändert hat sich vieles bei mir. Mein Körper ist
(meist) nicht mehr mein Feind. Ich kann mir vorstellen, ihn irgendwann
als Partner zu sehen. Momentan ist er eher noch „Hilfsobjekt” für
mich. Ich kann mich mit Hilfe der Yogaübungen wieder stabilisieren, dem
Selbstverletzungsdruck, den Essattacken entgegenwirken. Die
depressiven Phasen sind nicht mehr so ausgeprägt. Ich fühle mich all
dem was war und ist nicht mehr ausgeliefert, sondern ich fühle mich
handlungsfähig. Das mithilfe meines Körpers, den ich mal als Feind
betrachtete.
Das Yoga veränderte jedoch nicht nur meinen Umgang mit
meinem Körper. Im Laufe der Zeit veränderte sich mein Tagesrhythmus
positiv (ich kann beispielsweise morgens ohne Probleme aufstehen).
Heute habe ich meine feste Yogareihe, die ich jeden Morgen durchführe.
Sie tut mir gut und ich lerne immer mehr, meine Grenzen wahrzunehmen
und auch mal eine Übung auszulassen, wenn mein Körper und meine Seele
signalisieren, dass es gerade nicht die richtige Zeit dafür ist. Meist
spüre ich im Verlauf der Yoga-Reihe, wie ich nach einer schlechten
Nacht mit Albträumen, in Krisenzuständen und anderem langsam im Hier
und Heute ankomme und so den Tag präsent beginnen kann. Manchmal kann
ich es spüren, wie meine Seele im Tempel ankommt. Das ist etwas ganz
besonderes für mich, denn meine Seele war lange auf der Suche, fand
keinen Raum, in dem sie sich wohl fühlte. Mich wundert es heute nicht,
dass ich fahrig, unkonzentriert, unruhig und unter Druck war. In dieser
dunklen Abstellkammer voller Gerümpel und altem Müll hätte ich mich
auch nicht wohl gefühlt. Oh, es steht immer noch einiges rum, was nicht
reingehört. Aber es gibt bereits kleine helle und schöne Orte und meine
Seele findet so immer mal wieder einen ruhigen Platz und fühlt sich
auch manchmal schon wohl.
Ebenso haben sich mein Essverhalten und
meine Einstellung zum Leben positiv verändert. Für mich ist das Yoga
etwas Ganzheitliches, welches es mir ermöglicht, mich immer mehr im
Hier und Heute aufzuhalten. Präsent sein – etwas sehr Wertvolles.
Frau
Ulmer weist explizit darauf hin, dass traumasensibles Yoga keine
Therapie ist und auch keine Therapie ersetzt. Bei mir stößt es immer
wieder innere Prozesse an. Darüber sollte sich jedeR im Klaren sein,
der/die sich darauf einlässt. Für mich wäre es nicht möglich, mich ohne
begleitende Psychotherapie entsprechend auf das Yoga einzulassen.
Bildlich gesprochen liegt so viel Schutt auf meinen körperlichen
Ressourcen, dass es zwangsläufig nötig ist, Schuttteile zu entfernen,
um Zugang zum Körper zu bekommen. Andererseits nehme ich das Yoga für
meinen therapeutischen Prozess als sehr hilfreich wahr. Hat mich eine
Situation destabilisiert, kann ich mich mit gezielten Übungen
tendenziell wieder stabilisieren.
Noch immer lebt ein großer Teil in
mir im Gestern. Aber ich habe das Gefühl, dass immer wieder ein kleiner
Teil den Weg ins Heute findet. Dabei spielt für mich die Kombination
Yoga und Therapie eine große Rolle. Für mich gehört beides zusammen.
Allerdings merke ich, wie ich bezüglich Yoga innerlich langsam „flügge”
werde. Ich habe an Sicherheit gewonnen und kann es für mich bereits
selbstständig ganz gut nutzen. Eine für mich wichtige Erkenntnis: nicht
abhängig von irgendjemand und irgendwas zu sein.
Yoga ist kein
„Allheil- und Zaubermittel”. Es kann vieles leichter machen, wenn ich
daran und damit arbeite. Für mich passt Yoga sehr gut in meinen
therapeutischen Prozess.
Zwischenzeitlich ist Yoga ein wichtiger
Bestandteil in meinem Leben geworden, um das Leben langsam Stück für
Stück zurückerobern zu können und ich wünsche mir, dass meine Seele
sich irgendwann 24 Stunden am Tag in ihrem Tempel aufhalten und
wohlfühlen kann.«

